Die neue Behaglichkeit

„Die neue Behaglichkeit“

Berlin Kollwitzplatz, mittelaltrige Vollbartträger mit kleinen Kindern, Bioladentüten, gehetzte Latte-Macchiato-Mütter. Sinnierend über dieses Bild stellen sich mir drei Fragen. Wer von diesen Leuten ist potentieller Kunstkäufer? Wie viel Geld ist ihnen Kunst wert? Was für Kunst könnte es sein? Ein Blick in die Wohnungen verrät manches und relativiert das Euphorische im Feuilleton der Tagespresse. Die Generation der mittleren Jahre hat sich von den Traditionen und Lebensstilen der Elterngenerationen weitgehend frei gemacht. Ihnen sind das Smartphone, Alexa und Laptop näher als die Bücherwand und Ohrensessel. Ebenso stark ist ein Bedürfnis nach stylish trendigem. Damit erklärt sich u.a. auch die desaströse Lage des deutschen Kunst- und Antiquitätenhandels. Reihenweise geben die Geschäfte ihre Existenz auf. In der Folge fallen die Preise für historische Möbel, Porzellane und Teppiche auf immer neuere Tiefs. Wer die Woche über seine Mahlzeiten bei delivery hero bestellt oder außer Haus isst, braucht eben kein Tafelservice für 12 Personen. Die Luxusgüterindustrie stellt sich mittlerweile dem Trend und versucht z.B. mit 4er-Sets die Kunden abzuholen. Ein tiefer Riss zwischen Anspruch und Realität wird immer sichtbarer. Dabei ist es keineswegs die Frage des Preises, sondern der Wertschätzung. Um etwas „wertschätzen“ zu können, bedarf es des Wissens um den Wert.

Ein Beispiel zur Verdeutlichung:

Ein befreundetes Ehepaar mit kleinem Kind bezog seine neue Wohnung im Prenzlauer Berg, Altbauschick mit hohen Räumen. Für das Wohnzimmer schlug ein Innenarchitekt eine weiße Einbauwand auf Maß vor. Zweck Unterbringung von Büchern, Geschirr, Ordnern. Kostenpunkt des Herstellers knapp 25 Tsd. €, eben gerade so, wie man es aus den typischen Lifestyle-magazinen kennt. Alternativ zum Innenarchitekt schlug ich einen Braunschweiger Dielenschrank von Mitte des 18. Jahrhunderts vor. Feinstes Nussbaumfurnier mit Elfenbeinintarsien, 250 Höhe und 220 Breite. Preis beim Antiquitätenhändler knapp 8000 €. Das Einzelstück gefiel dem Paar und ergänzt nun spannend die moderne Wohneinrichtung. Die Vorteile das Möbel beim Umzug auch wieder mitnehmen zu können und die Preisersparnis waren überzeugend. Auch mussten keine funktionellen Abstriche vorgenommen werden. Ergänzend kommt hinzu: einen solches historische Möbel von einem guten Möbeltischler nachbauen zu lassen, würde knapp 400 Arbeitsstunden + Material kosten. Eine typische Win-Win-Situation.

Fazit: Historische Möbel sind nicht nur etwas für Fans. Gute Qualität gibt es für überraschend kleines Geld. Aber Achtung: Oftmals erreichen den deutschen Markt nachgemachte historische Möbel aus Italien oder Südosteuropa bzw. der Türkei - Hände weg!

Empfehlenswerte Händler für historische Möbel: Dr. Schmitz-Avila in Bad Breisig; Senger Kunsthandel in Bamberg; von Seckendorff GmbH in Bamberg oder Antiquitäten Breitenkamp GmbH in Berlin.

Ähnlich wie bei Möbeln sieht es bei Teppichen aus. Die meisten deutschen Auktionshäuser bieten auf ihren Auktionen ein gutes Angebot an historischen und neuzeitlichen Teppichen. Egal ob Kelim oder Perser – die Preise sind oft hochattraktiv und lohnend.

Leonardo- Hype

Mit perfekter Marketingmaschine schob Christies den Preis für Leonardo da Vincis Gemälde „Salvator Mundi“ auf rund 450 Mio. US$. Trösten Sie sich, es muss nicht gleich ein Leonardo sein. Gerade Altmeister beginnen sich beim jungen Publikum wieder stärkerer Beliebtheit zu erfreuen. Im Preissegment zwischen 10 bis 50.000 € sind schon stimmungsvolle Landschaften in Öl auf Auktionen zu haben.

Empfehlenswerte Künstler: Jan van Goyen (1596-1656); Jan Miense Molenaer (1609-1668); Hermann Saftleben (1609-1685); Georg Philipp Rugendas (1666-1742)

Ausstellungsempfehlungen:

Museum der Moderne Salzburg/Rupertinum „Georg Eisler“ bis 8.4.2018

Schloßmuseum Murnau; Murnau „Gaby Terhuven - Lichtungen“ Malerei auf Glas bis 25.2.2018

Couven-Museum Aachen; Aachen „Der Bergmann und das weiße Gold“ Porzellane aus der Sammlung Middelschulte Bis 25.3.2018